


Gedichte von Johannes Kühn
Lyrische Texte zwischen Himmel und Erde - über Himmel und Erde: Inseln inmitten lärmenden Lebens, pfeifenden Fortschritts, inmitten dröhnender Reden. Stille zum Erinnern und Lauschen, Stille zum Schreien.
Das Liquid Penguin Ensemble bringt Kühns Gedichte in einer Lyrikperformance zu Gehör, ihre Atmosphäre wird eingefangen in Klänge, Geräusche und Bilder, kontrastiert durch den Rhythmus der unablässig arbeitenden Zahnräder der lauten Welt.
„Stille –
über mir
hab ich gern
ihre Brutzeit."
mit
Ralf Peter, Stimme/Gesang
Katharina Bihler, Stimme/Gesang
Stefan Scheib, Bass/Tapes/Electronics
Jochen Krämer, Percussion/Electronic Percussion
Licht: Klaus Pahlke


Saarbrücker Zeitung NR. 187 - DIENSTAG/MITTWOCH, 14./15. AUGUST 2001
Gänsehaut aus Vogelperspektive
Mit den Raben am Tisch - Klangodyssee im Wasserwerk
Wenn es draußen kühler wird, verschwindet die Saarbrücker „Sommermusik" plangemäß nach drinnen. Domizil für den alljährlichen Endspurt ist das Wasserwerk Scheidt.
Vor ansehnlicher Zuhörer Kulisse war hier am Wochenende gleich zweimal das „Liquid Penguin Ensemble" zu Gast: am Samstag mit seiner bereits erfolgreichen Version von „Arthur Gordon Pym" und am Sonntag nun mit der Saarbrücker Premiere der Lyrikperformance „Mit den Raben am Tisch" um Gedichte und lyrische Texte des im Saarland lebenden Autors Johannes Kühn.
Malerisch die Szenerie im Wasserwerk: In Hufeisenform sitzend, blickt das Auditorium aus der Vogelperspektive hinunter ins Kellerloch - den Ausführenden auf die Köpfe.
Was von dort per Lautsprecher unmittelbar ans Ohr dringt, fesselt von der ersten bis zur letzten Minute.
Ein dichtes Geflecht aus Worten, Musik und Geräuschen. Unter ihre jazzigen Improvisationen und Klangexkursionen mit Kontrabass und Percussion mischen Stefan Scheib und Jochen Krämer elektronische Effekte wie vielstimmiges Insektenflirren oder (gesampelte) Töne einer sägenden Gitarre. Bausteine der Dramaturgie liefern die Texte von Johannes Kühn, vorgetragen und durchlebt von Ralf Peter und der -wie so oft herausragenden - Katharina Bihler.
Ob nun gehetzte Ton- und Wortkaskaden, kontemplative Nachtstimmungen bis hin zum Flüstern, oder Passagen sphärischer Vocalisen, bei denen die Rezitatoren mühelos zu Sängern mutieren - die Bearbeitung des „Liquid Penguin Ensembles" verrät eingehende Beschäftigung mit Kühns expressiver Lyrik in romantischer Tradition. Intensivste Momente sind freilich die, in denen die Worte klar verständlich im Vordergrund stehen. Denn Kühns bilderreiche Poesie, manchmal träumerisch zart und doch immer in kritischem Bezug zum dröhnenden Zeitgeist, ist bereits Musik.
Gutes Timing: Stärkste Wirkung bezeichnenderweise nach vollendeter Klängeodyssee, wenn Bihler als abgeklärten Epilog das titelgebende Gedicht liest
- da rieselt es einem förmlich den Rücken herunter.
STEFAN UHRMACHER



Saarbrücker Zeitung - Mittwoch, 20. September 2000
Kleine funkelnde Lichter über den Versen des Dichters
„Mit den Raben am Tisch": Lyrik-Performance zu Gedichten von Johannes Kühn - Das Liquid Penguin Ensemble bei den Neunkircher Literaturtagen
Dunkel und still, als ob der kleine Saal eine Wüste wäre. Weit weg der Tag, der doch gerade in Worten anbricht. Schwarze Schatten, Konturen schneidet die Helle auf einmal aus. Aus dem tonlosen, siedenden Nichts einer nächtlichen Wüste kommen die Wörter.
„Zu einem Purpur- fest/sind die Berge gewandet/Und wie unter einem Regen/von Rubinen/liegen Dörfer und Städte", spricht die Stimme der Schauspielerin Kathanna Bihler die Verse des Gedichts „Frührot" von Johannes Kühn in die Stummsche Reithalle Neunkirchen. Schnell zwitschern die Verse aus „Lichte Tage" hinterher.
Keine Dichterlesung, eine Performance, definiert durch Zeit und Raum und zugleich ihr enthoben, hat das Werk des Dichters Kühn hervorgeholt und es wie in einem Kaleidoskop sanft bewegt, auf dass es neue Gestalt annimmt.
Das Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble zündete bei den „Neunkircher Literaturtagen", die in diesem Jahr das Werk Johannes Kühns feiern, kleine funkelnde Lichter über den Versen des Dichters, wob in das Band der Worte Klänge und Geräusche, damit sie wie durch ein zartes Schütteln plötzlich alles bedeckten, was um sie war. Grenzen der Gedichte verschwammen, zerflossen in der Gleichzeitigkeit von gesprochenem Wort und dem Gesang des Countertenors Ralf Peter, der die in den Worten liegenden Bilder als Flüstern vom „gelben Licht" der Sonne im Gedicht „Mittag", als feixendes Lachen in „Der verlachte Dichter im Wirtshaus" frei legte.
Übergänge zu schaffen in einer Folge von Gedichten, die großteils in dem gerade erschienenen Sammelband „Mit den Raben am Tisch" zu finden sind, das gelang auch Stefan Scheib (Kontrabass) und Jochen Krämer (Percussion). Wie kleine Eiskörnchen flirrt es aus Kontrabass und Becken, wenn vom Wegatmen der Trauerzeit die Rede ist, um zu den Libellen, „den blauen Nadeln der Luft/über den Wiesen lautlos nähten" des Gedichts „Mittag" zu gelangen. Es bellt, rasselt und knarzt.
Der hohe Ton des Kontrabasses bei einer Zeile wie „Es ist mir ein Eis geronnen im Auge": Keine Illustration, die Klänge nehmen die Bilder der Gedichte als verhaltene Lautmalerei auf. Ein Flüstern, Hauchen und ein Davonhasten der Worte wie im Schluckauf, als ein Verlöschen stumpf gewordener Glocken fanden die beiden Sprecher und Sänger in den Worten.
Da war die Stimme Katharina Bihlers, der man sich blind anvertraut, damit sie einen zu den Wörtern führt. Da war die Stimme Ralf Peters, die einen mit über die Worte hinaus nahm. Doch der Weg führt in keinen Himmel. Der Weg des Sängers die aufgestellte, hohe, wacklige Leiter hinauf, gewährt - so wenig, so viel - den Blick durch einen leeren, im Raum schwebenden Rahmen, „Wissend,/dass der heißeste Atem wegstirbt am rötesten Mund,/bettle ich/stumm geworden an keinem Himmel", heißt es in dem Titelgedicht „Nun mit den Raben":
Doch die Worte bleiben. Auch noch im danach einfallenden Dunkel. SABINE GRAF