


Saarbrücker
Zeitung, 13. Februar 2006
Von der fühlbaren Zeit- und Schwerelosigkeit
Wenn
das Publikum in steter Wanderbewegung ist:
In der Saarbrücker Johanneskirche zeigte das Liquid Penguin Ensemble seine
neueste Produktion
Nach dem Jesuitenpater Grimaldi benannt ist ein Mondkrater, der der neuesten Produktion des Saarbrücker Liquid Penguin Ensembles den Namen gab: Am Samstag feierte sie in der Johanneskirche Premiere. Eine assoziativ komponierte Klanginstallation von sinnlicher Opulenz.
Saarbrücken.
An Schnüren schweben Federn über den Boden. Ein lichtes Gespinst, das die
Besucher kaum zu durchschreiten wagen. Erst allmählich tastet man sich mutiger
durch den unwirklich vibrierenden Raum. Schleicht vorbei an Klangstationen,
wo etwa eine Spieluhr auf Verlangen Melodien abspult, erst kurz zuvor einem
Lochkartenstreifen eingestanzt. Registriert aus dem Augenwinkel nackte Füße,
die auf der Empore zucken, beobachtet Cellophantüten beim Tanz im Wind, hört
Glasmurmeln zu Boden rollen. Und rückt weiter vor, angelockt vom Anblick und
den erstickten Schreien einer bisweilen in Puppenstarre verfallenden Frau
im roten Ballonkleid. Die sich, Halt suchend, gegen die Wand presst und uns
aufklärt über den Grund ihrer Nervosität: den Jesuitenpater Grimaldi, der
im Bologna des 17. Jahrhunderts Galileis Fallgesetze experimentell zu bestätigen
suchte. Nach Grimaldi benannt ist ein Mondkrater, der wiederum der neuesten
Produktion des Saarbrücker Liquid Penguin Ensembles (LPE) den Namen gab: Am
Samstag feierte "Mare Grimaldi - etwa 20 Notizen über die Schwerkraft" in
der Saarbrücker Johanneskirche Premiere. Eine assoziativ komponierte Klanginstallation
(Technik: Krischan Kriesten, Raum: Oliver Oppert) von wahrhaft sinnlicher,
unwirklich anmutender Opulenz. Verwirrend im ersten Teil, während dessen das
Publikum in steter Wanderbewegung, quasi in Zeit- und Schwerelosigkeit begriffen,
zahllosen Reizen akustischer und optischer Art ausgesetzt ist. Und damit jener
erstaunten Beunruhigung, die Grimaldi bei seinen Forschungen empfunden haben
mag. Ein "Keinen-festen-Boden-mehr-unter-den-Füßen-haben", in der zweiten
Hälfte durch szenisch heitere Verdichtung mit Anleihen beim Fantastisch-Abstrusen
geerdet.
Die sprechende Musik stammt von Stefan Scheib (Kontrabass, E-Bass); die mit
Zitaten diverser Schriftsteller jonglierenden Texte - Epochen verwirbelnd,
erst in der Addition zu dechiffrieren - arrangierte die wie stets wunderbare
Katharina Bihler (Schauspiel, Gesang). Als weiteres "Personal" tummeln sich
ein mirakulös französisch parlierendes Fliegerwesen (wie eine schelmische
Papagena: Elodie Brochier mit Schau-, Schatten- und Puppenspiel) und Perkussionsmagier
Jochen Krämer als "Ingenieur". kek
Trierischer Volksfreund,
2. Oktober 2006
Zwischen Mond
und Erde
TRIER. Ausstellung, Musik, Theater, Lichtinstallation - das Liquid Penguin Ensemble verbindet in seinen Produktionen die verschiedenen Disziplinen. In seinem aktuellen Stück "Mare Grimaldi - etwa 20 Notizen über die Schwerkraft" entspinnt das Künstler-Quartett aus einzelnen Bildern eine Geschichte um den Wissenschaftler Francesco Maria Grimaldi, der im 17. Jahrhundert in Bologna lebte.
Weiße Federn schweben scheinbar schwerelos an unsichtbaren Fäden über dem Boden. Diffuses Licht gestaltet den Raum. Eine Spieldose mit Lochkartenstreifen wartet darauf, dass die Besucher, die zunächst ziellos durch den Raum wandern, ihr ihre Töne entlocken. Ausstellung, Installation? Ein Kontrabassspieler (Stefan Scheib) formt unwirkliche Melodien. Einem Körper entwurzelte, entblößte Beine scheinen hinter einer Wand zwei Meter über dem Boden kopfüber zu schweben. Improvisationstheater, Musik-Performance?
Eine Frau im ausladenden Kleid
Eine Frau im ausladenden dunkelroten Ballkleid (Katharina Bihler) lockt mit ungewohnten Klängen in den Nebenraum, erstarrt in ihrer Bewegung, wird zur puppenhaften Staffage und beginnt, erneut in eine Flüstertüte zu singen. Perkussionist Jochen Krämer lässt Plastiktüten in der Luft tanzen. Die Schau- und Puppenspielerin Elodie Brochier wirft mit Federn filigrane Schatten in rhythmischen Bewegungen an die Wände. Aus umeinander kreisenden Worten und Textfragmenten verschiedener Dichter, Sprachen und Epochen formt sich ein neuer Text, wie die Geräusche, Klänge, Gesänge und die gespielten Szenen in der Gesamtkomposition münden. Szenische Notizen reihen sich weiter aneinander, können zunächst vom Publikum wie Bilder einer Ausstellung betrachtet werden und ergeben in der darstellerischen Verdichtung am Ende ein Ganzes.
Künstler schaffen neue Perspektiven
Doch folgt dies nicht den gewohnten Hör- und Sehgewohnheiten. Der Betrachter muss sich auf die Geschichte zwischen Schwere und Leichtigkeit, zwischen Schweben und Fallen einlassen, muss ihr folgen und fern seiner Erwartungen neue Wege beschreiten. Mit "Mare Grimaldi - etwa 20 Notizen über die Schwerkraft" gelingt es dem Ensemble, auf künstlerischer Ebene mit optischen und akustischen Bildern die verwirrenden Erkenntnisse des Wissenschaftlers, Physikers, Astronomen und Jesuitenpaters Grimaldi zu Fallgesetzen, Schwerkraft und Mondoberfläche umzusetzen. Die vier Künstler schaffen neue Perspektiven, die Herkömmliches aus einem anderen Winkel beleuchten. Wer sich auf dem Klangfluss und dem Pfad optischer Reize treiben lässt, erfährt, dass Gedanken, Flügelschwingen gleich, den Menschen der Schwerkraft entheben können und er so die naturgegebene Trägheit der Körper überwinden kann. - CORDULA FISCHER

Mare Grimaldi
etwa 20 Notizen über die Schwerkraft
InstallationsPerformance
mit Stefan Scheib (Kontrabass und E-Bass; Komposition, Sounds)
Katharina Bihler (Stimme/Gesang; Regie, Text, Kostüme)
Elodie Brochier (Stimme, Spiel, Schattenspiel)
Jochen Krämer (Perkussion)
Raum: Oliver Oppert
eine Kooperation mit der Johanneskirche Saarbrücken und theater duke's oak e.V.; mit freundlicher Unterstützung der Stadt Saarbrücken, des Ministeriums für Bildung, Kultur und Wissenschaft des Saarlandes, des Fonds Darstellende Künste e.V. sowie der Arbeit und Kultur Saarland GmbH
Etwas über Himmel und Erde. Und den Mond. Luft und Gestein. Schwere Kugeln aus Kreide. Schrei und Träne. Gesang und Wut. Über frühe Versuche, etwas über die Anziehungskraft herauszufinden, die uns am Boden hält. Über Weichheit und Widerstand, über Flügelschwinge und Schwere. "Mare Grimaldi", das sind etwa 20 Notizen zur Schwerkraft: Notizen in Musik, Bewegung, Wort, Rhythmus, Melodie, Geräusch, Licht und Raum, die das Publikum aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Teilen seines Wahrnehmungsapparates erlebt. Ein Zwitter aus Installation und Performance.
Mare Grimaldi
"Grimaldi glaubte zu wissen, dass die Bestimmung des Menschen daran abgelesen
werden könne, dass dieser schon bei der Geburt aus dem Leib seiner Mutter
heraus auf die Erde falle, und so sehr er sich auch im Laufe seines Lebens
mühe, in eine senkrechte Position zu gelangen, von der aus er die Erde wenn
schon nicht zu verlassen, so doch zu überschauen vermöchte, so zeige doch
die fortschreitende Lebenszeit, wie wenig ihm sein Gehenlernen und Aufrechthalten,
sein ganzes Greifenwollen in die dritte Dimension genutzt habe, da er vom
Alter schließlich doch tief und tiefer gebeugt würde, förmlich zurück gebogen
dorthin, von woher er komme, ins Sterbebett und schließlich - endlich! - in
die nämliche Erde zurück, wo eben seine Bestimmung liege. Grimaldi, von all
diesem fest überzeugt, nahm jedoch ein Ende, das nicht ganz diesen seinen
Erwartungen entsprach; und so war die kleine Sekunde zwischen Hier- und Dort-Sein,
ganz am allerletzten Schluss seines Lebens, von übergroßem Erstaunen gekennzeichnet..."
Der historische Grimaldi war Jesuitenpater und lebte Mitte des 17. Jahrhunderts in Bologna. Sein Mitbruder Pater Riccioli, Professor für Philosophie, lehrte am dortigen Studium. Zusammen bemühten sie sich u.a. darum, Galileis Fallgesetze experimentell zu bestätigen. Der Mondkrater "Mare Grimaldi" auf der erdzugewandten Seite des Mondes, etwas unterhalb dessen Äquator gelegen, wurde nach ihm benannt. Der "Grimaldi" unserer InstallationsPerformance "geht gewöhnlich leicht gebückt und versichert sich bei jedem seiner Schritte der Tragfähigkeit des Untergrunds, auf dem er sich bewegt. Er ist ein Mensch von mangelhaftem Vertrauen und seinen Standpunkt zu verlassen, fällt ihm schwer." Er steht für die Kraft der Schwere und der Trägheit aller Körper, und weil er sich zu sehr auf seine Füße und deren vorsichtige Schritte konzentriert, übersieht er, dass der Mensch auch Hände hat, bewegliche Auskundschafter, die nicht nur nach der Herkunft, sondern nach der Zukunft fragen, nach den Sternen greifen, in den Himmel fliegen, sich durch die Erde graben.
Wir haben uns diesen Forscher zum Thema gewählt, um anhand seiner Geschichte den Aspekten der Schwerkraft, den damit verbundenen Konzepten von Schwere und Leichte, aber eben auch von Standpunkt und sicherem Boden, von wissenschaftlicher Revolution, die diesen Boden erschüttert, die neues Denken verlangt, die Perspektiverweiterung und -veränderung fordert und auch schmerzvoll und konfliktvoll nach sich zieht, mit unseren künstlerischen Mitteln nachzugehen: den Mitteln des Klangs, des Geräuschs, der Musik, des Gesangs, der Perkussion, des Kontrabassspiels, des Schattenspiels, des Puppenspiels, der Szene, des Lichts und der Raumgestaltung.
eine InstallationsPerformance
Mit "Mare Grimaldi" entwickelt Liquid Penguin seine Arbeitsweise weiter, raumbezogene
Konzert-Performances mit Installationen zu verbinden, die auch außerhalb der
live-Veranstaltungen besucht werden können (die (unbespielte) Klang-Rauminstallation
bleibt an den Tagen zwischen den Aufführungen geöffnet). Neu ist
jedoch, dass das Publikum auch die live-Performance "Mare Grimaldi" wie einzelne
Bilder einer Ausstellung betrachten und belauschen kann, wobei ihm die größtmögliche
Freiheit darin gestattet wird, flanierend, bummelnd, verweilend, stehend,
gehend, sitzend, liegend die "etwa 20 Notizen" aus Musik, Bewegung, Szene,
Wort, Licht und Schatten, Geräusch und Gesang zu "lesen". Was einzig von ihm
verlangt wird, ist: "Silence s.v.p." - damit das Knacken im Gestein und der
Gesang der Lüfte zu hören ist - und sich im übrigen seinen Assoziationen und
Gedanken hinzugeben, Verbindungen herzustellen oder einfach die einzelnen
Miniaturen zu genießen, bevor im zweiten Teil des Abends die Notizen zu einem
Ganzen zusammengeführt und vollendet werden.
das Ensemble
Konzipiert von Stefan Scheib und Katharina Bihler wurde die konkrete Umsetzung
von "Mare Grimaldi" im Quartett entwickelt: die Performerin und Puppenspielerin
Elodie Brochier und der Perkussionist Jochen Krämer bilden zusammen mit den
Ensembleleitern (Kontrabass und E-Bass; Stimme) das live-Ensemble, das vom
Bühnenbildner und Innenarchitekt Oliver Oppert ergänzt wird. Mit ihm verbindet
Liquid Penguin eine lange Tradition künstlerischer Zusammenarbeit. Er stattete
breits die Produktion "Zapping" aus dem Jahr 1998 aus. 2004 gestaltete er
den Raum zur Klanginstallation "Herr H. verließ sein Haus am Montag" im Rahmen
der vierteiligen Installationsreihe "Janus" von Stefan Scheib und Katharina
Bihler auf dem ehemaligen Militärgelände Petrisberg Trier / Landesgartenschau,
und erschuf hierfür einen von Besuchern wie Presse bejubelten "Mini-Palast
der Winde".
Für "Mare Grimaldi" konzipiert Oliver Oppert eine Installation, die den bespielten Kirchenraum zusammen mit dem musikalischen und szenischen Geschehen in eine Atmosphäre auf halber Höhe zwischen Erde und Himmel, zwischen Schwere und Leichte versetzt und das Publikum für eine Weile so in der Schwebe hält...
"Sie stehen mit beiden Füßen auf der Erde? Sie täuschen sich! Die Erde steht auf Ihnen. Sie sind der kleine Atlas, der zwar nicht den Himmel, aber immerhin die Erde stützt. Und mehr: Sie treiben sie an. Sie rotiert unter Ihren behänden Schritten. - Nein? Sie wissen es besser? wirklich?"