Saarbrücker Zeitung, 22. Mai 2000

Werkstattbesuch im Kopf
"Liquid Penguin Duo" schafft eine Wahrnehmungssymphonie

Wie geht's denn so im Kopf zu? Katharina Bihler und Stefan Scheib offenbaren es uns. Als "Liquid Penguin Duo" lassen beide ein Gehirn erzählen und senden Bilder und Töne aus der inneren Kommandozentrale.

Im Zuschauerraum wird's dunkel, auf der Bühne sieht man kaum die Hand vor Augen. Irgendwo tropft Wasser, nur akustisch. Da verrinnt sie also, die Zeit. Die rechte Bühnenhälfte gehört der Leinwand, links hinten knäuelt sich die Soundtechnik, daneben ein majestätischer Kontrabass. Vorn ein Arbeitstisch mit Werkzeug, Gefäßen. Darüber brechen gespannte Drähte das spärliche Licht. Ein Hingucker, das Szenario.
Dass die Beiden, die die Bühne betreten, optisch hinter den Requisiten zurückstehen, macht Sinn: Der Ort des Geschehens ist Hauptperson und Erzähler zugleich. Gestatten: das Gehirn. Ein Werkstattbesuch.
Im "Theater im Viertel" in Saarbrücken präsentiert das "Liquid Penguin Duo" die szenische Ausformung eines Phänomens, das die moderne Literatur als "Bewusstseinsstrom" kennt: eine lose Kette von Assoziationen, nur gebündelt durchs erlebende Subjekt.

Paradebeispiel des reizüberfluteten Individuums: der Mensch in den (Groß-)Stadtstraßen. Also macht sich auch "Life of brain" auf den Weg. Zu Fuß durch Saarbrücken, imaginiert nur von zwei Gestalten auf der Bühne, raffinierter Videokunst und jeder Menge Geräuschen.
Das Publikum, im Kopf des Flaneurs sitzend, puzzelt sich aus den eintrudelnden Informationen die Handlung zusammen. An der Werkbank friemelt Katharina Bihler zierliche Drahtkunst: Die Synapsen knüpfen ihre Verbindungen. Gemurmelte Satzfetzen kreisen um die zeitsparendste Route, überbringen Eindrücke, rezitieren Passagen aus Jorge Luis Borges "Unerbittlichem Gedächtnis". Höhepunkt ist die plötzliche Begegnung mit einem flüchtigen Bekannten, nach "Smalltalk"-Manier: Je weniger man sich zu sagen hat, desto mehr wird geredet.
Im Hintergrund lässt Stefan Scheib seinen Bass pulsieren. Und bedient die Sampler, lässt Sprach- und Soundfragmente als Echos durch den Raum wabern, zerpflückt das Tempo. Auf der Leinwand eine Parade von Schritten durch Saarbrückens Fußgängerzone und immer wieder ein Abstecher ins Fotolabor: Erinnerungen zum Einkleben.
Aus improvisierten Jazz-Einlagen, Bahnhofs-Atmo, Straßengeräuschen und Monologen ergibt sich nach und nach eine Wahrnehmungs-Sinfonie.
Sehenswert, hörenswert. kp