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Erinnern Sie sich!
Life of Brain - Premiere eines multimedialen Stücks - Gedankenkonstrukte

Ein Gehirn ist lebendig, speichert Informationen und Erinnerungen. Manchmal ist nicht viel da, von dem was wir wissen. Wie wissen wir, was wir wissen können? Wer zeigt uns, was wir wissen, woran wir uns erinnern?
Stefan Scheib und Katharina Bihler haben ein Theaterstück rund um die Erinnerung erdacht und produziert. Assoziationen und Gedanken haben sie in einen Kontext aus vier Komponenten eingebettet: Kontrabaß, Stimme, Soundscapes, Projektionen.
Spärlich ist die Bühne in Szene gesetzt. Zwar steht Katharina Bihler als Protagonistin im Mittelpunkt des Geschehens, lötet und friemelt in einem skurrilen Labor verwegen an Drähten herum und kocht nebenbei noch Kaffee. Aber sie murmelt vor sich hin und hier ist der Schlüssel zu ihren Erinnerungen versteckt. Ihre Gedanken werden laut durch die musikalische Untermalung Stefan Scheibs. Der zupft sanft an den Saiten seines Kontrabasses, produziert dazu noch digitale kleine Soundbrocken - und unterstreicht ihre Welt aus Erinnerungen. Er antwortet sich selbst mit seinen Bassläufen, nutzt die Möglichkeit der Technik und beschreibt so die bewegten Bilder auf der Leinwand in der Bühnenmitte. Stichwort Mulitimedialität: Bihlers Assoziationen mit der Vergangenheit erzeugen jene Bilder, die vom Videorecorder auf die Leinwand projiziert werden. Landschaften, Menschen und Gebäude aus wechselnden Perspektiven.
Erinnerungen an Ireneo sind zu sehen, gefüllt mit Gedanken und Erinnerungen.

Ireneo - Figur in Jorge Luis Borges Erzählung "Das unerbittliche Gedächtnis" - war 19 Jahre lang taub, blind, nicht recht bei Bewußtsein. Er hat ohne Wahrnehmung gelebt. Erst ein Sturz machte ihn neu, ließ ihn anfangen, drüber nachzudenken über... das Wissen. Wie funktioniert es? Schostakowitsch hatte vom Krieg einen Granatsplitter im Kopf zurückbehalten. Immer wenn er den Kopf schieflegte, hörte er die tollsten Melodien. Gerade in dieser Hirnregion, am Schläfenlappen, entstanden sie - Zufall mit dem Granatsplitter? Ireneo hat seit seinem Sturz nichts mehr
vergessen.
Die Schauspielerin denkt weiter. Sie sieht Benno im Karstadt. Eigentlich nur, weil sie nicht wusste, welchen Weg sie gehen sollte. Splitter von Erinnerungen. Ob er sich wohl an sie erinnert? Es ist schon lange her. Gefühle aus Erinnerungen - Scheib und Bihler reduzieren sie auf einzelne Wahrnehmungskanäle. Erinnerungen, deren Existenz an ihrer Individualität zu zerbrechen drohen, lassen sich zu einem großen Feld verknüpfen. Dank des menschlichen Vermögens, selbst zu assoziieren und die eigene Wahrnehmung dazu zu fügen.
Erinnerungen werden lebendig. Sie bestehen aus vielen einzelnen Splittern. Die beiden Künstler haben diese Einzelteilchen einizgartig angeboten und ihre Formen multimedial verknüpft. Und die stumme Frage aufgeworfen: Welcher Splitter beeinflusst deine Erinnerungen?

Langer Applaus im Auditorium.

Erschien erstmals am 15.05.2000.
Autor/Foto: Arne Langner.
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