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Der Karlsruher
Philosoph Hans Lenk hätte seine wahre Freude gehabt: Da beschäftigen sich zwei
Künstler mit dem Ort, an dem all unsere subjektive Wahrnehmung verarbeitet wird,
wo wir zu unserer Erkenntnis gelangen und Fragen nach dem Sein aufwerfen. Dieser
Ort ist das Gehirn und die Hirnforschung ist Lenks Steckenpferd. Um Wahrnehmung
geht es deshalb in allererster Linie in dem multimedialen Stück "The Life of Brain". Ausgangspunkt
ist die Beruhigung, Symbol dafür Brom und das gleichmäßige Tropfen von Wasser.
In diesem verinnerlichten Zustand wird das Publikum in das Gehirn versetzt. Kontrabassist
Stefan Scheib und Schauspielerin Katharina Bihler benutzen für ihre Auseinandersetzung
mit der Wahrnehmung Texte aus Jorge Luis Borges Erzählung "Das unerbittliche Gedächtnis".
Es ist die Geschichte über Ireneo Funes, dessen Name vor der sehr anschaulichen
und faszinierenden Textrezitation von Katharina Bihler einmal in einer Videoeinspielung
erscheint. Ireneo lebte 19 Jahre ohne Wahrnehmung. Durch einen Sturz erlangt er
sie wieder, aber im Übermaß. In seinem Drang nach Wissen stirbt er schließlich.
Scheib und Bihler bedienen sich in ihrem Stück der Erinnerung als wesentlichem
Element. Die Bereiche, in denen sie stattfindet, sind Wort und Bild. Die Musik
dient fast eher schon als Untermalung, mit Blick auf den Schluss als zusätzlich
verknüpfendes Element. Bihler lötet an ihrem Werkstatttisch die Synapsen,
murmelt, spielt mit der Geschwindigkeit bei der Textwiedergabe - und mit dem Gedächtnis
-, singt und übt sich in Stimmakrobatik. Dabei verbleibt sie bis auf die persönliche
Einkaufspassage, an deren Ende der Satz "an was Sie sich so alles erinnern wollen"
steht, auf einer unterkühlten, fast schon teilnahmslosen Ebene. Scheib lotet
die Möglichkeiten seines Instrumentes aus. Vom Spiel auf dem Steg über die üblichen
Spielarten wie Pizzicato, Arco und Collegno hin zum Schlaginstrument Kontrabass,
das er mit der Hand sowie einer runden Bürste bearbeitet, und zur elektronischen
Abnahme des Instruments ist in dieser jazzig angehauchten und bisweilen an Minimal
Music erinnernden Musik fast alles vertreten. Dazu kommen noch Soundscapes und
Endlosschleifen, über denen er kürzere Patterns spielt. Kurzum, Scheib erweist
sich als ein Musiker, der sich mit den heutigen Musikströmungen und Spielarten
auseinandersetzt. Die Videoeinspielungen liefern Bilder von Gegenständen,
etwa einer gelben Tasse, die später im Text Erwähnung finden, oder umgekehrt,
und Wörter. Sie symbolisieren das fotografische Gedächtnis. Nicht umsonst wird
hier ein Fotolabor eingeblendet. Der Text steht für das Abstrakte, die Musik
für das Emotionelle. Verschiedenen Tempoebenen wechseln sich ab. Aufgeregt-hektischem
folgt die Kontemplation. Geräusche und Töne werden verfremdet und finden wieder
zur ursprünglichen Klanglichkeit zurück. Das scheinbar kranke Gehirn, sei es das
von Ireneo, sei es das von Schostakowitsch, wird zur Normalität. Aber was ist
das schon, Normalität? Scheib und Bihler fordern zum Nachdenken darüber heraus
und natürlich zur je eigenen Hirnforschung. Dafür hätten sie mehr Publikum
verdient gehabt.
Erschien erstmals am 19.07.2000 Autor:Ralf
Snurawa. Alle Rechte vorbehalten · © Heilbronner Stimme 2000
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