Heilbronner Stimme / Hohenloher Zeitung vom 19. Juli 2000:
Hirnforschung auf der Tenne
Das Liquid Penguin Duo gastierte auf dem Hofgut Halsberg bei Schöntal

Der Karlsruher Philosoph Hans Lenk hätte seine wahre Freude gehabt: Da beschäftigen sich zwei Künstler mit dem Ort, an dem all unsere subjektive Wahrnehmung verarbeitet wird, wo wir zu unserer Erkenntnis gelangen und Fragen nach dem Sein aufwerfen. Dieser Ort ist das Gehirn und die Hirnforschung ist Lenks Steckenpferd. Um Wahrnehmung geht es deshalb in allererster Linie in dem multimedialen Stück "The Life of Brain".
Ausgangspunkt ist die Beruhigung, Symbol dafür Brom und das gleichmäßige Tropfen von Wasser. In diesem verinnerlichten Zustand wird das Publikum in das Gehirn versetzt.
Kontrabassist Stefan Scheib und Schauspielerin Katharina Bihler benutzen für ihre Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung Texte aus Jorge Luis Borges Erzählung "Das unerbittliche Gedächtnis". Es ist die Geschichte über Ireneo Funes, dessen Name vor der sehr anschaulichen und faszinierenden Textrezitation von Katharina Bihler einmal in einer Videoeinspielung erscheint. Ireneo lebte 19 Jahre ohne Wahrnehmung. Durch einen Sturz erlangt er sie wieder, aber im Übermaß. In seinem Drang nach Wissen stirbt er schließlich.
Scheib und Bihler bedienen sich in ihrem Stück der Erinnerung als wesentlichem Element. Die Bereiche, in denen sie stattfindet, sind Wort und Bild. Die Musik dient fast eher schon als Untermalung, mit Blick auf den Schluss als zusätzlich verknüpfendes Element.
Bihler lötet an ihrem Werkstatttisch die Synapsen, murmelt, spielt mit der Geschwindigkeit bei der Textwiedergabe - und mit dem Gedächtnis -, singt und übt sich in Stimmakrobatik. Dabei verbleibt sie bis auf die persönliche Einkaufspassage, an deren Ende der Satz "an was Sie sich so alles erinnern wollen" steht, auf einer unterkühlten, fast schon teilnahmslosen Ebene.
Scheib lotet die Möglichkeiten seines Instrumentes aus. Vom Spiel auf dem Steg über die üblichen Spielarten wie Pizzicato, Arco und Collegno hin zum Schlaginstrument Kontrabass, das er mit der Hand sowie einer runden Bürste bearbeitet, und zur elektronischen Abnahme des Instruments ist in dieser jazzig angehauchten und bisweilen an Minimal Music erinnernden Musik fast alles vertreten. Dazu kommen noch Soundscapes und Endlosschleifen, über denen er kürzere Patterns spielt. Kurzum, Scheib erweist sich als ein Musiker, der sich mit den heutigen Musikströmungen und Spielarten auseinandersetzt.
Die Videoeinspielungen liefern Bilder von Gegenständen, etwa einer gelben Tasse, die später im Text Erwähnung finden, oder umgekehrt, und Wörter. Sie symbolisieren das fotografische Gedächtnis. Nicht umsonst wird hier ein Fotolabor eingeblendet.
Der Text steht für das Abstrakte, die Musik für das Emotionelle. Verschiedenen Tempoebenen wechseln sich ab. Aufgeregt-hektischem folgt die Kontemplation. Geräusche und Töne werden verfremdet und finden wieder zur ursprünglichen Klanglichkeit zurück. Das scheinbar kranke Gehirn, sei es das von Ireneo, sei es das von Schostakowitsch, wird zur Normalität. Aber was ist das schon, Normalität? Scheib und Bihler fordern zum Nachdenken darüber heraus und natürlich zur je eigenen Hirnforschung.
Dafür hätten sie mehr Publikum verdient gehabt.


Erschien erstmals am 19.07.2000
Autor:Ralf Snurawa.
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