
DAS
HOHELIED SALOMOS
Duftdurchströmt, taubenetzt, wohlschmeckend kommt uns das Hohelied Salomos entgegen, ganz besonders in der wunderbaren Übersetzung von Klaus Reichert (erschienen bei dtv), in welcher dieser alte Text die Gestalt moderner Liebeslyrik angenommen hat.
"In den Zeilen ist immer der Atem der Sprechenden zu hören - der beschleunigte oder verlangsamte Atem, der hechelnde, der aussetzende, der nach Luft ringende und manchmal, selten, auch der gleichmäßige."
Und auch die Bilder, welche für die und den Geliebten gefunden werden, nehmen ihre Kraft aus dieser Tiefe des Körpers - "das jähe Horchen auf die Stimme, die Augen-Blicke, die Skalen der Düfte, des Riechens und Schmeckens, das Getast und Gefühl. Hier gibt es noch keine Sinnenhierarchie, nur sind es vielleicht die morgenländischen Düfte - das Flüchtigste -, die am stärksten haften bleiben." (Vorwort des Übersetzers)
Andrea Kopsch (Saarländischer Rundfunk) und Katharina Bihler (Liquid Penguin Ensemble) bitten Sie zu Tisch: Sie bereiten ein literarisches Gewürzbett aus Spezialitäten der Kulturgeschichte der Düfte, bevor sie Sie ganz dem Genuss des Hauptmahls überlassen, dem Hohelied Salomos.
Saarbrücker Zeitung, 17.11.2004
Sinnliche und erotische Verse
Das Hohelied Salomos und Süskinds Parfum im Domicil Leidinger
VON SZ-MITARBEITERIN RUTH ROUSSELANGE
Saarbrücken. Eine lange Tafel ist bereitet im Theater des Saarbrücker Domicil Leidinger, eingedeckt in feinesTuch. Man sitzt sich gegenüber undkostet Spezereien. Die perlen von den Lippen zweier Frauen, Worte, poetisch, sinnlich und erotisch, Verse aus dem Hohelied Salomos und Passagen aus Patrick Süskinds "Parfum".
Andrea Kopsch vom Saarländischen Rundfunkund Katharina Bihler, Schauspielerin, Sängerin und Mitbegründerin des "Liquid Penguin Ensemble", sitzen zu Häupten des Tisches und rezitierendie Verse des "Liedes der Lieder", flüstern uns bedeutungsschwere Worte zu, scheinen sie gleichsam mit der Zunge abzuschmecken, zu kosten, um auszuprobieren, wie's ist, wenn man sie erklingen lässt. "Schön bist du" wiederholend herausgehaucht wie eine magische Beschwörungsformel, Blicke wie Tauben, die purpurnen Bänder der Lippen, Honig, Myrrhe, Amber und Granatapfel, Bihlers und Kopschs Vortrag wird zur Feier der Sinne, des Riechens vor allem, der Düfte, die in diesen Worten stecken. Mit dem Aussprechen scheinen sie uns prompt in die Nase steigen.
Zu Süskinds Baldini mit seinem übermäßig vollgestopftem Parfumladen, ein alle Sinne überwältigendes, stark duftendes Kuriositätenkabinett, gesellt sich eine von Kopsch selbst zusammengestellte kleine Duft- und Gewürzchronik. Nahtlos darineingeflochten ist Bihlers wunderbar glasklarer Gesang altitalienischer Arien, französischer Lieder, Teile der Carmina Burana und immer wieder des Hohelieds. Abwechselnd rezitieren die Frauen die erotischen Metaphern und Vergleiche des alttestamentarischen Liedes, jedes Wort eine Kostbarkeit. Dazu Klangschalen, Getreidekörner, die durch Finger rauschen und Scheinwerferlicht, das sich in den glänzenden Falten der Tischbedeckung fängt. Plötzlich scheint alles sinnlich, andächtig, Kopschs und Bihlers gelungene Lesung hat meditatives Potential.
Die moderne, offene Übersetzung des Hohelieds von Klaus Reichert (dtv Verlag), die nichts hinzudichtet, hat die beiden zu ihrer szenischen Lesung inspiriert. Herausgekommen ist eine Feier des schönen, kostbaren Wortes, wo man sich gerne an prachtvollen Bildern berauschen und vom Klang ausdrucksstarker Stimmen betören lässt.
Andrea Kopsch Seit 1989 Sprecherin beim Saarländischen Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen in allen Sparten: Feature, Literatur, Hörspiel, Filmsynchronisation). Arbeitet regelmäßig für ARTE. Sie schrieb Kindergeschichten für das "Rabenei" sowie Minihörspiele für "Der unbekannte Gast" (Saarländischer Rundfunk). Zahlreiche Lesungen und literarische Projekte, u.a. Performance "Maschine Mensch" (Völklinger Hütte), Heinrich Heine (Festungsmauern Saarlouis), Arthur Schnitzlers "Reigen" (szenische Lesung), Mozart-Collage zusammen mit Stefan Schön (Konzeption und Ausführung), "Liebe in zwei Tempi" (Gedichte von Gioconda Belli) mit dem Gitarristen Hector Zamora. Aktuell: Caspar David Friedrich Zyklus mit Martin Dobner (Kontrabass) und Gisela Arnold (Violine), musikalische Lesung mit Texten von der Romantik bis zur Gegenwart (Musik von Stevan Kovacz Tickmeyer, 2003). Konzertlesung "Intime Briefe" mit dem Janácek-Quartett (2004) . Aktuell: "Zitronenscheibenmond", Gedichte (eigene) mit improvisierter Musik von Hartmut Oßwald (Bassklarinette, Saxofon)
Katharina Bihler Schauspielerin und Sängerin. Nach Engagement am Schauspiel Trier (1993-95) verschiedene (Eigen-) Produktionen, u.a. mit theater duke's oak (Kafka-Performance; Büchner Projekt; Perec-Hörspiel für die Bühne). 1997 gründete sie zusammen mit Stefan Scheib das LIQUID PENGUIN ENSEMBLE für Musik-Hörspiele, Performances und Klanginstallationen, in dem sie als Regisseurin/Autorin und Schauspielerin arbeitet. Das LIQUID PENGUIN ENSEMBLE erhielt Preise für die multimediale Performance "life of brain" (Int. Wettbewerb für Junge Kultur 2000), das Webprojekt "die zweite Fahrt" (literatur.digital/dtv 2001) sowie den Rheinland Pfälzischen Förderpreis für junge Künstler (2002). Beschäftigung mit Neuer Musik . Klangperformance bei "Schichtwechsel" mit dem Perkussionisten Dirk Rothbrust . John Cage Programm mit Rothbrust / Bihler / Scheib . JANUS Klanginstallation und Konzertperformance Petrisberg/Trier (Liquid Penguin) . pflanzengesteuerte Klanginstallation und Performance "Gras wachsen hören" (Liquid Penguin) . Wilhelm Busch Projekt mit Wollie Kaiser und Stefan Scheib . Aktuell: Perfomance "Schrödingers Katze" im Kultursommer RLP (Liquid Penguin) und "Mare Grimaldi - etwa 20 Notizen über die Schwerkraft" / Johanneskirche Saarbrücken (Liquid Penguin, Feb 2006)