Trierischer Volksfreund, 28. September '98
Unerbittlich ticken die Sekunden
Die TUFA lädt ein zum "Zapping": Eine reise in die Dimensionen der Zeit

Die TUFA lädt ein zum "Zapping": Eine reise in die Dimensionen der Zeit Schmucklose, schwarze Leuchten hängen in geordneten Abständen von der Decke. Links hinten hat die Jazz-Combo Platz genommen, bestehend aus dem Kontrabassisten Stefan Scheib, dem Posaunisten Christof Thewes und dem Pianisten Thomas Bracht. Der karge Raum ist Schauplatz für eine Auseinandersetzung mir der Zeit, über die "Sie" (Katharina Bihler) und "Er" (Bernd Neunzling) sich Klarheit verschaffen wollen. "Zapping - ein Stück (über) Zeit" heißt das Stück, das das Saarbrücker "Liquid Penguin Ensemble" gemeinsam mit dem Trierer "theater duke's oak" im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz in der TUFA präsentierte. Die Szenen sind kurz, enden oft abrupt und werden zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen. Ausgangspunkt der Zeitsuchenden ist ein Treffen: Er und Sie erinnern sich an eine Begegnung vor vielen Jahren. Sie überlegen, wann sie sich das nächste Mal treffen werden - und ob sie diese Begegnung wieder dem Zufall überlassen müssen. Oder läßt sich das nächste Wiedersehen planen? Einen Versuch ist es wert, also bemühen sich die beiden, den Rhythmus der Zeit zu ergründen. Ein anderer Erzählstrang erzählt die Geschichte eines Bergarbeiters im schwedischen Falun, die Johann Peter Hebel unter dem Titel "Unverhofftes Wiedersehen" im "Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes" veröffentlichte. Wenige Tage vor der Heirat fährt der Bergmann in seine Grube ein und kehrt nicht zurück. Gut ein halbes Jahrhundert später wird der durch Vitriol konservierte Leichnam gefunden, und die Braut sieht am Ende ihres Lebens den Jüngling wieder, den sie hatte heiraten wollen: Die Zeit ist - scheinbar - stehengeblieben. Licht, Klang, Sprache, Farbe und Rhythmus sind sie Elemente, die diese Zeit-Reise verwendet. Die Stimmung ist voller Tristesse, Verzweiflung und Depression. Wie in einem Schwarzweißfilm reihen sich die Bilder aneinander. Katharina Bihler und Bernd Neunzling bringen mit sparsam eingesetzten schauspielerischen Mitteln die Vergeblichkeit menschlichen Kampfes gegen die Zeit auf den Punkt. Einfach und phantasievoll ist die von Oliver Oppert angefertigte Ausstattung. Die Dissonanz einzelner Sequenzen mündet harmonisch am Ende in Henry Purcells "When I'm laid in Earth". Erst in der Rückkehr zum Ursprung kommt alles zur Ruhe. In der nicht ganz ausverkauften TUFA dankten die Premierenbesucher mit heftigem Applaus für diese nicht immer einfach zu konsumierende Reise in die Tiefen der Zeit.

Karsten Steil