| Neunkirchen
(sg). Die Zeit flieht. Sagt ein altes Wort. Sie vergeht, man kann sie nicht aufhalten.
Aber man kann sie in Geschichten bewahren oder die vergehende Zeit spürbar machen.
"Zapping", das rastlose Ausfüllen der Zeit mit der nervösen Bewegung des Fingers
auf der Fernbedienung, ist eine zeitgenössische Form des Wahrnehmens wie des Vor-der-Zeit-Fliehens.
Es ist damit eine gültige Erzählform über die Zeit. Das 1997 von der Schauspielerin
Katharina Bihler und dem Bassisten Stefan Scheib gegründete "Liquid Penguin Ensemble"
nahm sich die Zeit. Buchstäblich. Ihr in der Stummschen Reithalle aufgeführtes
Musik-Theaterstück "Zapping" handelt von der Zeit, die aufgebrochen, zerstückelt
sich wie eine Collage aus Erinnerung und Gegenwart zusammensetzt. Doch Zeit ist
nicht greifbar, aber man kann sie in Bilder und Klänge übersetzen. Das gelang
dem Quintett, den drei Musikern und den beiden Schauspielern eindringlich mit
schlüssigen bis fantastischen Bildern. Wie im Rausch der Fernsehkanäle wirbelten
die Szenen durcheinander, um sich am Ende doch zu einem Bogen zusammenzuschließen.
Leitmotiv ist die Geschichte des unverhofften Wiedersehens, des Bergwerks von
Falun, die von Hebel und Hofmannsthal bekannt ist. Ein junger Bergmann grüßt seine
Braut auf dem Weg zur Arbeit, von der er nie mehr zurückkehrt. 50 Jahre vergehen,
als man in einem Stollen die durch Eisenvitriol konservierte Leiche des Mannes
entdeckt: Ein Jüngling und ein alter Mann in einem. Man trägt die Leiche ins Freie
und die zur alten Frau gewordene Braut begegnet ihrem jung gebliebenen Bräutigam
ein letztes Mal. Veränderung und Stillstand liegen nah beieinander. Das Paar auf
der Bühne (Katharina Bihler, Bernd Neunzling) scheinen diese beiden zu sein und
doch sind es auch andere, die sich in zeitlosen Tagen begegnen. Die Zeit messen,
das Vergehen der Zeit in der Langsamkeit der Bewegung (dank der ausgezeichneten
Körpersprache der Schauspieler) sehen oder die Zeit wie eine Landschaft begreifen,
dafür fanden die Darsteller schlüssige und poetische Bilder. Vom Flügelschlag,
vom Schattenspiel, vom Warten, vom Sekunden- und Minutenzeiger, den mit Rollen
besetzten Schuhen, den bereits voller Bilder steckenden Wortspielen über die Zeit,
verlief der Bilderbogen durch die eine Stunde der Aufführung. Die von Jazz und
Neuer Musik beeinflussten Kompositionen, für die Stefan Scheib als Komponist und
Bassist, Thomas Bracht (Orgel/Klavier) und Hartmut Oswald (Saxophon) verantwortlich
zeichneten, fügte sich in den Zeitverlauf ein. Das ist ihre angestammte Aufgabe,
nur im Moment zu sein. Nichts bleibt über die Zeit hinaus? Doch, sehr viel. Nämlich
die Bilder von der Zeit, die das Liquid Penguin Ensemble fand. |