Saarbrücker Zeitung , 24. Januar 2000
Wie im Rausch der Fernsehkanäle durcheinander gewirbelt
Liquid Penguin Ensemble: "Zapping" - Ein Stück (über) Zeit in der Stummschen Reithalle in Neunkirchen - In Bilder und Klänge übersetzt

Neunkirchen (sg). Die Zeit flieht. Sagt ein altes Wort. Sie vergeht, man kann sie nicht aufhalten. Aber man kann sie in Geschichten bewahren oder die vergehende Zeit spürbar machen. "Zapping", das rastlose Ausfüllen der Zeit mit der nervösen Bewegung des Fingers auf der Fernbedienung, ist eine zeitgenössische Form des Wahrnehmens wie des Vor-der-Zeit-Fliehens. Es ist damit eine gültige Erzählform über die Zeit. Das 1997 von der Schauspielerin Katharina Bihler und dem Bassisten Stefan Scheib gegründete "Liquid Penguin Ensemble" nahm sich die Zeit. Buchstäblich. Ihr in der Stummschen Reithalle aufgeführtes Musik-Theaterstück "Zapping" handelt von der Zeit, die aufgebrochen, zerstückelt sich wie eine Collage aus Erinnerung und Gegenwart zusammensetzt. Doch Zeit ist nicht greifbar, aber man kann sie in Bilder und Klänge übersetzen. Das gelang dem Quintett, den drei Musikern und den beiden Schauspielern eindringlich mit schlüssigen bis fantastischen Bildern. Wie im Rausch der Fernsehkanäle wirbelten die Szenen durcheinander, um sich am Ende doch zu einem Bogen zusammenzuschließen. Leitmotiv ist die Geschichte des unverhofften Wiedersehens, des Bergwerks von Falun, die von Hebel und Hofmannsthal bekannt ist. Ein junger Bergmann grüßt seine Braut auf dem Weg zur Arbeit, von der er nie mehr zurückkehrt. 50 Jahre vergehen, als man in einem Stollen die durch Eisenvitriol konservierte Leiche des Mannes entdeckt: Ein Jüngling und ein alter Mann in einem. Man trägt die Leiche ins Freie und die zur alten Frau gewordene Braut begegnet ihrem jung gebliebenen Bräutigam ein letztes Mal. Veränderung und Stillstand liegen nah beieinander. Das Paar auf der Bühne (Katharina Bihler, Bernd Neunzling) scheinen diese beiden zu sein und doch sind es auch andere, die sich in zeitlosen Tagen begegnen. Die Zeit messen, das Vergehen der Zeit in der Langsamkeit der Bewegung (dank der ausgezeichneten Körpersprache der Schauspieler) sehen oder die Zeit wie eine Landschaft begreifen, dafür fanden die Darsteller schlüssige und poetische Bilder. Vom Flügelschlag, vom Schattenspiel, vom Warten, vom Sekunden- und Minutenzeiger, den mit Rollen besetzten Schuhen, den bereits voller Bilder steckenden Wortspielen über die Zeit, verlief der Bilderbogen durch die eine Stunde der Aufführung. Die von Jazz und Neuer Musik beeinflussten Kompositionen, für die Stefan Scheib als Komponist und Bassist, Thomas Bracht (Orgel/Klavier) und Hartmut Oswald (Saxophon) verantwortlich zeichneten, fügte sich in den Zeitverlauf ein. Das ist ihre angestammte Aufgabe, nur im Moment zu sein. Nichts bleibt über die Zeit hinaus? Doch, sehr viel. Nämlich die Bilder von der Zeit, die das Liquid Penguin Ensemble fand.